Der Weg zum >Anschluss<: Österreich 1818 - 1838

12.   November   1918
Ausrufung der Republik Deutschösterreich durch den Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Dr. Franz Dinghofer (»Deutschösterreich ist Bestandteil der deutschen Republik«).

Als am 12. November 1918 die Republik Deutschösterreich ausgerufen wurde, stürmten Angehörige der kurz zuvor gegründeten Roten Garden die Parlamentsrampe und rissen den weißen Streifen aus der eben gehissten rot-weiß-roten Fahne heraus. Der Zwischenfall steht symbolträchtig am Beginn einer langen Kette politischer Krisen und Konflikte, welche die 1. Republik erschütterten. Die Ursachen dafür waren u. a. der Schock über die verlorene althergebrachte Ordnung, das fehlende Staatsbewusstsein, die zahllosen ungelösten Wirtschaftsfragen, das Anwachsen des europäischen Faschismus sowie die antiparlamentarischen und antidemokratischen Vorstellungen vieler Österreicher.

Die Ausrufung der Republik 1918 brachte für Österreich nicht nur eine Änderung der Staatsform, sondern bot erstmals der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die Möglichkeit, weitgehenden Einfluss auf den Staat zu nehmen. Obwohl die Koalition zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten nur bis 1920 dauerte, gelang es, wichtige politische Rechte wie z. B. das Frauenwahlrecht und ein herausragendes sozialpolitisches Gesetzeswerk durchzusetzen. Nach dem Zerfall der Koalition konnten die bürgerlichen Parteien (Christlichsoziale, Landbund, Großdeutsche Volkspartei etc.) zwar ihre politische Vorherrschaft über zehn Jahre halten, doch ihre Position war labil; die Sozialdemokratische Arbeiterpartei blieb die stimmenstärkste Partei.

Aus dem Gefühl, inmitten einer Reihe neu entstandener Nationalstaaten der deutschen Nation anzugehören, und aus Zweifel an der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit Österreichs proklamierte die Provisorische Nationalversammlung in Artikel 2 des Gesetzes vom 12. November 1918 über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich die Zugehörigkeit zur Deutschen Republik. Der Vertrag von St. Germain verbot zwar den Anschluss an Deutschland, doch die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung und fast alle politischen Parteien befürworteten ihn.

Mit dem Zerfall der Monarchie waren für die landwirtschaftliche und industrielle Produktion wichtige Gebiete wie Ungarn, Böhmen und Mähren verloren gegangen, bestimmte Industriezweige waren durch Rohstoffmangel etc. schwer beeinträchtigt, das Außenhandelsbilanzpassivum war außerordentlich hoch – Arbeitslosigkeit und Hunger waren die Folgen.

Die Arbeitslosigkeit war eines der dominierenden Probleme der 1. Republik. Sie führte nicht nur zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten, sondern trug auch zur Polarisierung der politischen Lager in Österreich bei. Die parlamentarische Demokratie erwies sich für viele Menschen als scheinbar unfähig, »Ordnung zu schaffen«, und ein beträchtlicher Teil war bereit, anstelle des Konsenses den – bewaffneten – Konflikt als politisches Mittel einzusetzen.

Februar   1919
Aktionsprogramm des Verbands sozialdemokratischer Abgeordneter: »Der Anschluss an Deutschland ist so bald wie möglich zu vollziehen.«

6.   September   1919
Annahme des Friedensvertrags von St. Germain durch die Nationalversammlung unter feierlichem Protest vor aller Welt. Zentraler Punkt: Verbot des Anschlusses an Deutschland.

29.   September   1920
Erstes politisches Auftreten Adolf Hitlers in Österreich (Reden u. a. in Wien, Innsbruck, Salzburg).

22.   Oktober   1920
Ende der großen Koalition; in der Folge Regierung des »Bürgerblocks« (Christlichsoziale, Deutschnationale und andere konservative Kräfte); die Sozialdemokraten in der Opposition.

16.   Dezember   1920
Österreichs Aufnahme in den Völkerbund.

24.   April   1921
Volksabstimmung in Tirol gegen den Willen der Bundesregierung für den Anschluss an das Deutsche Reich, 97 % Wahlbeteiligung, überwältigende Mehrheit für den Anschluss.

29.   Mai   1921
Volksabstimmung in Salzburg für den Anschluss an das Deutsche Reich, überwältigende Mehrheit dafür.

29. Juli 1921
Adolf Hitler übernimmt die Führung der NSDAP im Deutschen Reich.

4.   Oktober   1922
Unterzeichnung der Genfer Protokolle: Völkerbundanleihe und internationale Garantie der Souveränität Österreichs. Deren Umsetzung bedeutet radikale Sparmaßnahmen, Beamtenabbau, Kontrolle der Notenpresse.

1922 beendete zwar die Völkerbundanleihe von 650 Millionen Goldkronen die Inflation, doch die bloße Währungssanierung führte zu keiner grundlegenden Sanierung der Gesamtwirtschaft Österreichs. Die Stabilität des Schillings wurde mit einer hohen Arbeitslosenrate und einer massiven Belastungspolitik großer Teile der Bevölkerung (neue Steuern, Abbau und Kürzungen von Sozialleistungen, Entlassung von 100.000 Beamten) erkauft.

31.   Oktober   1922
Mussolinis Marsch auf Rom; Beauftragung der Regierungsbildung. Italien wird faschistische Diktatur.

Benito Mussolini, Gründer des Partito Nazionale Fascista (PNF), ergriff im Oktober 1922 in Italien die Macht (»Marsch auf Rom«). Aufstieg, Programmatik und soziale Zusammensetzung des PNF wiesen große Ähnlichkeit mit der NSDAP auf.

1922 legte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei unter dem Eindruck des italienischen Faschismus ein Bekenntnis zur »proletarischen Wehrhaftigkeit« ab, 1923 wurde der Republikanische Schutzbund gegründet, dessen Ziel es war, die junge Republik vor monarchistischen Restaurationsversuchen und faschistischen Terrorgruppen zu schützen. Obgleich ebenfalls bewaffnet, war der Schutzbund den Heimwehren als paramilitärische Formation weit unterlegen.

10.   März   1923
Revolverattentat auf den jüdischen Schriftsteller Dr. Hugo Bettauer durch den Nationalsozialisten Otto Rohstock, Bettauer stirbt am 26. März.

2.   April   1923
Zusammenstoß von Nationalsozialisten und Sozialdemokraten in Wien (Schlacht auf dem Exelberg); weitere derartige Zusammenstöße am 4. Mai und 30. September 1923.

17. / 18.   August   1925
Antisemitische und regierungsfeindliche Demonstrationen wegen des in Wien tagenden 14. Internationalen Zionistenkongresses.

4.   Mai   1926
Gründung des Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitervereins (Hitlerbewegung) in Wien; Unterstellung unter Adolf Hitler.

20.   Oktober   1926
Sozialdemokratischer Parteitag beschließt Linzer Programm: Anschluss an die Deutsche Republik mit friedlichen Mitteln.

Bereits unmittelbar nach Kriegsende entstanden auf lokaler Ebene Heimwehren als paramilitärische Selbstschutzverbände, wie zum Beispiel in Kärnten zur Abwehr jugoslawischer Truppen, in den westlichen Bundesländern, um Plünderungen zu verhindern, bzw. nach der Proklamation der Räteregierungen in Ungarn und Bayern als antimarxistische Formationen. 1927 schlossen sich die Heimwehren – basierend auf einem nationalen, antimarxistischen und antidemokratischen Konzept – zu einer bundesweiten Organisation zusammen. Während sich die Führungsschicht der Heimwehren meist aus deklassierten Offizieren, verarmten Gutsbesitzern etc. zusammensetzte, dominierte an der Basis vor allem das bäuerliche Element. Die Heimwehren wurden finanziell vor allem von Banken und Industrie unterstützt, nach 1922 auch von der bürgerlichen Koalitionsregierung und vom faschistischen Italien (Waffenlieferungen!).

30.   Jänner   1927
Zusammenstoß zwischen Anhängern des Republikanischen Schutzbundes und der Frontkämpfervereinigung in Schattendorf (Burgenland); Schießerei fordert zwei Todesopfer.

14.   Juli   1927
Urteilsverkündung im »Schattendorfer Prozess«; Freispruch.

15.   Juli   1927
Demonstration gegen obiges Urteil, Generalstreikparole, Brand des Justizpalastes. Einsatz der Polizei fordert an die 89 Todesopfer und ungefähr tausend Verletzte.

                                                                 

Am 30. Jänner 1927 wurden bei einem Schutzbundaufmarsch im burgenländischen Schattendorf ein Kriegsinvalide und ein achtjähriger Eisenbahnersohn von Angehörigen der rechtsgerichteten, antisemitischen Frontkämpfervereinigung erschossen, die Mörder wurden am 14. Juli 1927 von der Mordanklage freigesprochen. Die Empörung über dieses Urteil führte am 15. Juli 1927 zu spontanen Demonstrationen und gipfelte darin, dass der Justizpalast als Symbol der Klassenjustiz erstürmt und in Brand gesetzt wurde.

Die Polizei eröffnete das Feuer auf die unbewaffneten Demonstranten, 89 Tote und mehr als tausend Verletzte waren die Folge. Die Ereignisse des 15. Juli 1927 führten zu einer weiteren Verschärfung der Spannungen zwischen Christlichsozialer Partei und Sozialdemokratischer Arbeiterpartei, die Straße wurde zunehmend zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen.

25.   Oktober   1929
Kurszusammenbruch an der New Yorker Börse, Beginn der Weltwirtschaftskrise.

18.   Mai   1930
Großkundgebung der Heimwehr in Korneuburg, Korneuburger Eid: Absage an den westlich demokratischen Parlamentarismus, Plädoyer für einen Führerstaat und eine Ständeorganisation.

9.   November   1930
Letzte freie Nationalratswahlen der 1. Republik: Sozialdemokraten stärkste Partei.

Mai   1931
Zahlungsunfähigkeit der Creditanstalt, der größten Bank Österreichs, mit weit reichenden Folgen für die Wirtschaft.

13.   September   1931
Gescheiterter Putschversuch des steirischen Heimwehrführers Walter Pfrimer.

Der Wiener Gauleiter Frauenfeld während der Gauparteitage 1932 bei einem SA-Aufmarsch auf der Wiener Ringstraße. Während der Gauparteitage 1932 kam es in zahlreichen österreichischen Städten zu schweren Tumulten, die Verletzte und Todesopfer forderten. Bereits in den 1920er Jahren waren die Aufmärsche der NSDAP nicht als friedliche Demonstrationen gedacht, sondern sollten unter Einsatz von brutaler Gewalt Druck auf den politischen Gegner ausüben. Die österreichische Parteiführung der NSDAP förderte die Radikalisierung bewusst, um z. B. mittels der Sprengung gegnerischer Versammlungen, Demonstrationen sowie der Verwendung einer brutalen, ungezügelten Sprache extreme politische Unruhe zu schaffen.

24.   April   1932
Landtagswahlen in Wien, Salzburg und Niederösterreich; beachtliche Stimmengewinne der Nationalsozialisten.

Propagandafahrt von Angehörigen des NSKK (= Nationalsozialistisches Kraftfahr-Korps) vor den Wiener Gemeinderatswahlen 1932. Bei den Landtags- und Kommunalwahlen 1932/33 gewann die NSDAP zwischen 20 und 25 % der Stimmen.

20.   Mai   1932
Erste Regierung des bisherigen Landwirtschaftsministers Dr. Engelbert Dollfuß (Koalition aus Christlichsozialen, Landbund, Heimwehr).

15.   Juli   1932
Unterzeichnung des Lausanner Protokolls betreffend eine neue Völkerbundanleihe für die österreichischen Staatsfinanzen; erneutes Anschlussverbot wie im Genfer Protokoll 1922.

9.   September      2.   Oktober   1932
Gautage der NSDAP in ganz Österreich: Joseph Goebbels und Ernst Röhm als Sprecher, in der Folge Ausschreitungen und Zusammenstöße.

Wintermonate   1932 / 33
Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise; Februar 1933 Höchststand der Arbeitslosigkeit in Österreich: zirka 600.000 Arbeitslose.

 
 
 
 

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